Die wohl klassischste Kennzahl im betrieblichen Gesundheitsmanagement ist die Ermittlung des Krankenstands und den damit zusammenhängenden Kosten. Der Rückgang von Krankheitstagen wird auch gerne in der „Werbung“ bezüglich eines betrieblichen Gesundheitsmanagements genutzt. Doch was steckt eigentlich dahinter und sind eingeworfene Maßnahmen dann der richtige Weg?

Um den Krankenstand in einem Unternehmen zu ermitteln kann man sich zu Beginn erst einmal die Zahlen pro Monat oder für ein komplettes Jahr anschauen, die Anzahl der Mitarbeiter, die durchschnittlichen Soll-Arbeitstage, also abzüglich Urlaubstage, und vor allem die Krankheitstage der Mitarbeiter. Nun dividiert man die Fehltage durch die Soll-Arbeitstage und multipliziert das Ergebnis mit 100. So erhält man eine Prozentzahl, die jetzt erstmal so auf dem Papier steht. Laut Statista lag der durchschnittliche Krankenstand in der gesetzlichen Krankenversicherung im Jahr 2020 trotz Pandemie und eventuell erhöhter Belastung bei 4,32%. Der Wert liegt damit leicht über dem Niveau zur Jahrtausendwende. Im Monat April lag er mit 6,48% am höchsten. Informationsgrundlage für diese Kennzahlen sind die vom Arzt ausgestellten Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen.

Die Folgen von zu hohen Krankheitsständen für das Unternehmen sind neben den finanziellen Auswirkungen enorm. Die Kollegen müssen Arbeiten übernehmen, darunter leidet die Produktion und wahrscheinlich auch die Qualität der Arbeit. Gleichzeitig sinkt das „Bock“-Level aufgrund wahrscheinlicher Überstunden gen Null. Dadurch wird die Atmosphäre im Büro, oder aktuell auch in manchen Video-Telefonaten vergiftet und das Klima im Team wird negativ beeinflusst. Gegebenenfalls muss man Freelancer engagieren, die liegen gebliebene Arbeit erledigen. Dies bedeutet wiederum eine weitere Investition. Kurz gesagt: Es sollte ein regelmäßiges MUSS sein, sich die Krankenstände anzuschauen und zu reagieren.

Jetzt liegt also diese Zahl auf dem Tisch. Was dann? Die Gründe für einen erhöhten Krankheitsstand sind so vielfältig wie der Otto Katalog. Stress, Burnout, mangelnde Erholungsphasen, Rückenschmerzen, schlechte Führung, Mobbing, unflexible Arbeitszeiten, schlechte Bezahlung, mangelnde Motivation und viel mehr fällt in diesem Kontext eigentlich immer. Werfen wir da jetzt einfach einmal die Woche eine bewegte Pause ein und damit regelt sich alles von allein? Oder sind bereits 10 Personen mit akuten psychischen Problemen raus und man muss jetzt halt mal einen Vortrag im Bereich Achtsamkeit/Stressmanagement anbieten. Sätze, die wahrscheinlich schon alle Kollegen mal gehört haben und die auch erstmal fein sind. Immerhin hat man sich mal mit dem Thema beschäftigt.

In meiner kleinen Welt ist das aber nicht die Lösung. Ich denke, dass man sich hier einmal die Basis anschauen sollte. Wie sieht die komplette Unternehmenskultur aus? Werden Überstunden nahezu vorausgesetzt? Kommen die Mitarbeiter trotz Schnupfen ins Büro? Sitzen die Mitarbeiter trotz Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung mit Laptop im Bett und bearbeiten Emails? Wie sieht die Gesundheitskultur generell aus?

Warum dieser Artikel heute kommt? In der Woche vor Ostern habe ich nach langer Zeit mal wieder richtig viele Gespräche geführt, habe Anfragen bekommen und bin beinah vor Schreck vom Stuhl gefallen. Natürlich kann ich Mitte Mai einen 45minütigen Vortrag zum Thema Stress halten. Aber wird es deinen Bedarf kurz- und langfristig decken? Auf keinen Fall!

Lasst uns endlich größer denken! Betriebliches Gesundheitsmanagement, oder in meinem Fall hauptsächlich der Baustein betriebliche Gesundheitsförderung sind keine eingeworfenen Maßnahmen ohne Kommunikationskonzept, ohne Warum und ohne Wie. Betriebliche Gesundheitsförderung sollte immer an der Wurzel des Unternehmens ansetzen. Immer. Sonst turnst du in drei Jahren noch mit zehn Leuten, Theraband und „Eye of the tiger“ aus der Bluetooth-Box durch die Cafeteria. Was ja okay wäre. Wenn es passt.