In der modernen westlichen Welt wird der Endkunde vollgestopft mit Ernährungsmethoden, Diätpillen, 8-Wochen Challenges, Apps die bis aufs letzte Gramm die Kalorien anzeigen und digitalen Anbietern, die dir per Klick dein Essen bis an die Haustür liefern. Was wir bei all dem Überangebot aber vergessen ist – zu essen!

Mal ehrlich. Wann bist du zuletzt über einen Markt geschlendert, hast Gerüche wahrgenommen, neue Lebensmittel erkundet und probiert, eine frische Waffel gegessen und bist dann mit deinen Einkäufen nach Hause gelaufen, um deine Mahlzeit zu kochen und bewusst zu essen ohne dabei durch deinen Instagram Feed zu daddeln oder Fern zu sehen?

Gesundheit war immer schon wichtig. Für den einen mehr. Für den anderen weniger. Spätestens aber seit dem wir in einer sehr erfolgsorientierten Gesellschaft leben, wird Gesundheit zum Erfolgsfaktor, für den jeder Einzelne selbst verantwortlich ist. (Food Code) Es ist also kein Wunder, dass uns unzählige Firmen erfolgreich kommunizieren, dass man nur mit der richtigen Technologie das gesundheitliche Maß halten kann. Apps die unsere Kalorien und Schritte zählen und uns unsere Diät vorgeben und überwachen sind Usus geworden. Pizza gibt es nur noch, wenn die App und damit die Kalorienbilanz es zulässt. Wir machen uns über jeden Bissen Gedanken und lösen damit unterbewusst Stress aus, während der Genuss und die Freude an der Aufnahme von Nahrungsmitteln in den Hintergrund rutscht. Neben Stress kann das übrigens auch ultimativ schlechte Laune bereiten.

Essen ist viel mehr als nur die Aufnahme von leckeren Dingen in unseren Körper. Es besitzt eine starke soziale Seite, in dem wir Freunde einladen oder uns im Restaurant treffen, um dabei zu kommunizieren, zu lachen und zu weinen. Es ist außerdem kulturell wahnsinnig interessant. Mit den Händen oder zwei Stäbchen essen, ungewohnte Gewürze und abgefahrene Geschmäcker sind nur einige der kulturellen Komponenten.

Stattdessen verwenden wir Hashtags, um uns zu feiern, wenn wir einmal in der Woche eine Pizza „cheaten“ oder uns bei einem skurilen Wettbewerb 12 Hot Dogs in 2 Minuten in den Rachen schieben und erwarten dafür die „Likes“ der anderen.

Olaf Deininger und Henrik Haase zitieren in „Food Code“ einen Abschnitt aus dem Buch „Hungry: Avocado Toast, Instagram Influencers, and our Search for Connection and Meaning“, die die Gedankenwelt der digitalen Generation auf den Punkt bringt: „Ich habe keine Ahnung, ob ich jemals in der Lage sein werde, ein Haus oder ein Auto zu kaufen oder meine Schulden zu begleichen. Ich weiß nicht, ob ich gehackt worden bin, ob mir Passwörter gestohlen wurden oder wie ich mich vor diesen Dingen schützen kann. Ich verbringe nicht genug Zeit mit Freunden oder der Familie, weil ich immer arbeite. Aber es gibt einen Bereich in meinem Leben, wo ich ohne Frage Autorität haben sollte: Ich sollte die volle Kontrolle darüber haben, was ich zu mir nehme“

Wir dürfen darauf acht nehmen, dass auch in Zeiten der Digitalisierung, die Freude an Lebensmitteln und am Handwerk nicht verloren geht und wir einfach – super kitschig – mit Liebe kochen und einfach mal essen.